Ohne Schweiß kein Preis

Etwa 90 – 95 % aller Fitness – Kunden möchten mal mehr oder weniger Abnehmen. Das ist schön. Deswegen sollte man sich mal mit der Frage befassen, mit welcher Trainingsart dieses Ziel nicht erreicht werden kann.

Es ist nicht wichtig wie groß der Schritt ist sondern, in welche Richtung er geht.

Doch vielleicht sind Sie ja der Meinung: „Wie? Das ist doch egal  – das wird schon irgendwie klappen. Muss ich nicht wissen“. STOP! Einen Moment noch bitte. Sie sollten wirklich weiter lesen. Die Betonung bezieht sich auf „Abnehmen durch Training“ – bei ansonsten unverändertem Lebensstil.

Pauschal und konzeptlos

Und vielleicht denken Sie jetzt: „Muss ich nicht lesen. Hab eh keine Zeit und der Text ist mir auch zu lang. Außerdem genügen ab und zu etwas Ausdauertraining und vielleicht hin und wieder noch ein paar Lieblingskraftgeräte, die mit etwas Aufwand in ihre technisch mögliche Bewegung gebracht werden – fertig“. Tja, schön wär´s. Bevor Sie nun endgültig mit uns abgeschlossen haben, bitte ich Sie noch um einen Augenblick Geduld. Denn ich schenke Ihnen tatsächlich Bestätigung!

Die Hälfte der Lügen über Sport sind nicht wahr.

Diese pauschale und konzeptlose „Wundermethode“ ist jedoch viel aufwändiger als die dubiosen Anbieter von heutigen Lifestyle – Magazinen ihren Lesern „vorgaukeln“ wollen. Und so manche Fitness – Club – Betreiber sind ihren Mitgliedern gegenüber ebenso dreist. Meist aber auch, weil sie dies aus betriebswirtschaftlicher Sicht müssen.

Differenzieren wir uns also von solchen, allen Ernstes, angebotenen Schwachsinn wie „Abnehm – Drink – Kuren“, täglich 10 Minuten Training auf Billiggeräten für ein Paar Euro fuffzig, die vielleicht glücklicherweise von 11 Uhr bis mittags angeboten werden. Auch ähnlichen Irrsinn möchte ich an dieser Stelle von vornherein ignorieren.

Warum wird man dick?

Die grundlegende Frage ist doch: Warum Menschen überhaupt das verhasste Depotfett speichern?! Beamen wir uns mal schnell durch alle Entwicklungsstadien des Lebens, die zur aeroben Energiegewinnung als eine der genialsten „Erfindungen“ innerhalb der belebten Natur führten, und betrachten den Lebensalltag unserer Vorfahren. Statt des stressigen Aufwandes zum Supermarkt waren zwecks Nahrungsbeschaffung Saat und Ernte und insbesondere oft tagelange Treibjagden die Regel. Die Menschen waren ständig in Bewegung. Entsprechend hoch war ihr Kalorienbedarf. Doch wie das Leben so spielte, gab es damals auch Missernten und nicht jede Jagd endete mit reicher Beute.

Folge: In Zeiten des Überflusses musste man ausreichend Reserven für ärmere Zeiten speichern. So lernten unsere Urahnen, den Energielieferanten Fett mit dem „höchsten Brennwert“ (9,3 kcal pro Gramm) in großer Menge zu speichern und für alltagsspezifische Belastungen (heute definiert als Training auf Grundlagen – Ausdauerstufe I und II) optimal zu nutzen.

Zwar hält sich der moderne Mensch im Zuge seines Mittelpunktwahns für etwas Besonderes, doch dass dem nicht so ist, zeigt sich schon in der Tatsache, dass das menschliche Genom sich von dem „primitiver“ Arten nur unwesentlich unterscheidet. Denn die Gesetzmäßigkeiten von Energiebedarf und Energiebereitstellung existieren seit Urzeiten! Doch durch die steigende Technisierung änderte sich unser Lebensstil drastisch. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten. Legte der „Durchschnittsbürger“ in den 50er Jahren täglich 10000 Schritte zurück, so sind es heute im Rahmen der lebenserhaltenden Tätigkeiten in vielen Fällen gerade mal 300 – 700 Schritte am Tag. Wie kann man sich dieser negativen Entwicklung entziehen? Vielleicht darauf warten, bis sich unser Energiestoffwechsel genetisch verändert bzw. angepasst hat? Eher nicht, denn dies bedarf einer Entwicklungsdauer von Jahrmillionen! Es kann dem zur Folge nach nur ein Ziel geben: Eine körperlich aktive Lebensweise leben – Punkt! O. k., dies liest sich recht einfach, ist jedoch in der Umsetzung anders als viele Betroffenen sich das wünschen.

Doch mal angenommen, untrainierte Fitness – Kunden möchten 20 Kilo Übergewicht abbauen – ohne Veränderung der eigenen Essgewohnheiten. Dies würde bedeuten, dass bei einem durchschnittlichen Brennwert von 9,3 Kcal pro Gramm Fett der/die Betreffende 186000 Kcal zu verbrennen hätte. Zuzüglich dem Grundumsatz von etwa 2000 Kcal täglich. Bei einem Energieumsatz (Kaloriendefizit) von ca. 500 Kcal pro Stunde ergeben sich daraus 15,5 Tage Ausdauertraining, an einem Stück, ohne Pause. Bei zwei Stunden Training in der Woche hat der/die Betreffende das vorbenannte Übergewicht in 3 Jahren abgebaut. Respekt! Geht doch.

Bei dieser Berechnung bleiben trainingsbegleitende Effekte, wie erhöhter Grundumsatz durch veränderte Körperkomposition und Stoffwechselrate, auch im Ruhezustand, unberücksichtigt. Einerseits, weil diese positiven Effekte insbesondere bei Fitness – Einsteigern viel geringer sind als viele Studioleiter und Fitness – Trainern den Mitgliedern „unterjubeln“ wollen. Darüber hinaus sind stündliche Energieumsätze von 500 Kcal, insbesondere für Fitness – Anfänger, äußerst hoch angesetzt. Vor allem, wenn die für die Fettverbrennung erforderlichen Belastungsspitzen von etwa 60 – 70 % der maximalen Trainingsherzfrequenz (Puls) Anwendung finden sollen. Doch warum glauben immer noch so viele Abnehm – Interessierte solchen abenteuerlich anmutenden Versprechungen? Weil sie hören, was ihnen am meisten entgegenkommt!

Bloß nicht zu viel Zeit ins Training investieren. Darüber hinaus ist es heutzutage ja „in“, keine Zeit zu haben, weil man so seinem Umfeld mühelos eine in den meisten Fällen nicht vorhandene Wichtigkeit der eigenen Person signalisieren kann. So ist dann für alle Beteiligten eitel Sonnenschein. Das Fitness – Studio macht Umsätze, und die Mitglieder sind glücklich, ihre Ziele ohne größere Anstrengung und in kürzester Zeit erreichen zu können ….. und die Erde ist eine Scheibe! Doch das böse Erwachen kommt spätestens nach einem Jahr – und auch hier wieder für alle Beteiligten. Bei den Kunden ist der gewünschte Erfolg ausgeblieben, sie sind zutiefst erbost und kündigen das Fitness – Abo. In der Außendarstellung finden sich auch rasch entsprechende Argumente: Zu geringe Aufmerksamkeit des Trainers, es lag an den Geräten, der Trainer hat mich nicht verstanden und ähnlicher Nörgel – Gulasch sind nachfolgend die Regel. Vor allem macht man das Fitness – Studio bei jeder sich bietenden Gelegenheit schlecht …

Für Menschen ohne signifikanten Gewichtsproblemen können in unserer „Anti – Bewegungsgesellschaft“ 10 bis 20 Minuten „Cardio – Training“ und einige oberflächliche „Kräftigungsübungen“ genügen. Doch bei Gewichtsproblemen bzw. Adipositas? Mitnichten! 570 Millionen Jahre Lebensentwicklung (allein an Land) kann man nicht einfach wegdiskutieren, erst recht nicht von einer Spezies die nur mit sehr viel Glück die gegenwärtige Spitze der Evolutionspyramide erreicht hat.

Fazit

Pauschalisierte bzw. konzeptlose Trainingsstrategien können ihre Wirkung erzielen. Jedoch wird bei Anwendung solcher Trainingsarten von den Trainierenden sehr viel Geduld, Motivation und Durchhaltevermögen abverlangt. Und die allgemein verbreitete Ablehnung gegenüber wissenschaftlich fundierter Trainingskonzepte ist heutzutage ein selbst verursachtes Handicap und daher normal. Trotzdem nicht natürlich. Und vor allem unlogisch. Dabei haben diese eine wesentlich höhere Effektivität und sind darüber hinaus auch effizienter.

In eigener Sache

Die beratungsresistenten Erdbewohner, die sich jetzt mit ihrer wissenschaftsablehnenden Grundhaltung in eine Art Schock – Starre gelesen haben, möchte ich empfehlen wieder hoch zu „scrollen“ und diesen Text noch mal von vorn zu lesen!

Und ich bitte höflichst darum, diesen Text „NICHT“ als willkürliche Provokation einzustufen. Ich bin der Meinung (und stehe auch dazu), dass, wenn man die Dinge nicht mehr beim Namen nennen darf, die Welt in der ich lebe nur noch als riesiges Irrenhaus wahrzunehmen ist. Es ist mir nun mal nicht gegeben, Dinge stets so zu formulieren, dass Menschen die mir ihr Vertrauen schenken (und auch noch dafür bezahlen) sich vorzugsweise wohl fühlen. Ich sehe es als moralische Verpflichtung, die Wahrheit an- und auszusprechen und bin auch bereit, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Aber meinen Mitmenschen etwas vor zu machen, insbesondere wenn es um deren Gesundheit geht – diese Verantwortung kann und will ich nicht übernehmen. Ich bitte hierzu vielmals um Verständnis.

Gregor Eichenauer, Schwitzkasten-Fitness-Trainer, im Januar 2020.